Palästina

Auf nach Palästina

Geschäftsreise! Und zwar richtig lange. Ich darf für drei Wochen nach Ramallah,
Palästina. Viel Zeit zum schreiben habe ich nicht und zum Fotografieren noch weniger,
aber ein paar Zeilen schaffe ich schon.

Montagmorgen raus, los zum Flughafen. Zum Glück wohne ich in
Lauf- und S-Bahnreichweite eines Flughafens. Zwei kurze Flüge, Zwischenlandung in
Istanbul. Fast verpenne ich das richtige Gate beim Weiterflug.

In Tel Aviv angekommen schlappe ich müde zum Zoll. Eigentlich erwarte ich von den
üblichen jungen und hübschen Mädels am Zoll etwas aufgehalten zu werden weil wir
letztes Mal die Visa Stempel auf ein extra Papier wollten und der Tatsache das ich
nach Ramallah will. Aber die Dame am Zoll fragt mich nur WAS ich in Israel will, und
nicht WO genau ich hingehe. Aus meiner Antwort das ich in der IT arbeite hat sie
wohl geschlossen das ich in Israel arbeite und nicht nach Palästina gehe. Glück
für mich. So bin ich nach 5 Minuten durch.

Erste Eindrücke

Jetzt sitze ich gerade in Ramallah zum Arbeiten, hier ist es richtig toll. Essen ist sehr
gut und sehr reichhaltig und alles ist erstaunlich reich (hier in Ramallah jedenfalls).
Das Geld mit dem die dicken Autos gekauft werden kommt zum Großteil aber aus
dem Ausland. Deswegen ist alles in Ramallah auch sehr offen und international, sehr
wenige Frauen mit Kopftuch, Burka habe ich noch gar keine gesehen. Ich war gestern
bei einer Stand-Up Comedy Show die halb englisch halb arabisch war, wo weibliche
Komödianten im Trägertop über ihre konservativen Väter und Sex Witze gemacht
haben. Nicht gerade das Bild das man im Westen von den Palästinensergebieten
hat....

Genau wie die "Siedlungen" der Israelis, die in Wirklichkeit Städte sind mit Universität,
Mauer drum und drei Autobahnausfahrten. Sehr gutes Marketing.

Trotz der Revolution in Ägypten ist es hier eigentlich ruhig, aber wenn irgendwer freie
Zeit hat wird sofort der Fernseher, Twitter oder YouTube eingeschalten, um zu
schauen was geht. Und meine Kollegen haben die ganzen Anti-Mubarak Songs drauf.

Der Blick nachts aus meinem Hotelzimmer – da fühlt man sich sicher

Nu isser wech der Mubi…

Freitag, vom Hotel aus gearbeitet, aus dem Büro der Managers (oder ist es doch eine
Abstellkammer?) weil in den oberen Stockwerken das W-Lan nicht geht. Die Kollegen
haben heute frei. Plötzlich schreibt mich einer an das Mubarak endlich aufgegeben
hat. Es dauert nicht lange bis draußen das Gehupe losgeht. Also laufe ich nach der
Arbeit in die Innenstadt.

Im Stadtzentrum wurde ich auch noch auf Arabisch angesprochen ob ich aus
Ramallah komme… Nicht schlecht, nach nur 4 Tagen. Auf dem Rückweg ins Hotel.
Es war eine nette Feier im Gange, genau im Zentrum, vor dem „Stars & Bucks Cafe“.

Ich hab dann auch mal zuhause das Fernsehen an gemacht. Geht ja fast nicht
anders an so einem historischen Datum. Hunderte von Kanälen, aber fast überall die
gleichen Bilder und auf Spiegel Online die ersten 4 Artikel über Ägypten.

Jerusalem

Heute steht ein Ausflug nach Jerusalem auf dem Programm. Nur diesmal alleine von
der Westbank kommend über den Checkpoint Qalandia. Dort ist man als Ausländer
eigentlich nicht gerne gesehen.

Man soll lieber die VIP Checkpoints verwenden. Das sei sicherer. Eigentlich wollen
sie nur nicht das man sieht das Leute wie Vieh eingepfercht und durchgeschaut
werden. Wenn man sieht wie die Leute behandelt werden ist das schon recht heftig.
Reduziert auf die ID die sie tragen. Man wird vor der Mauer aus dem Bus gelassen.
Dann kommt ein Stahl und Beton Gebäude. Ein langer Gang, wie ein Käfig, einen
Meter breit, zwei hoch endet an einem Drehkreuz das nur eine gewisse Anzahl Leute
durch lässt. Danach langes Warten und wieder ein Drehkreuz zur Limitierung des
Menschenstroms. Danach eine Sicherheitskontrolle , Gepäckscanner und Metall
Detektor. Überall Kameras.

Ich darf meinen Pass auf den Scanner vor der Panzer Glasscheibe drücken hinter
dem die üblichen schwer bewaffneten Teenager hocken. Ein bisschen die Stadt
anschauen und am Abend wieder heim. Rein in die Westbank kommt man sehr
einfach. Keine Kontrolle, nur ein paar Drehkreuze. Das Sammeltaxi zurück kostet nur
drei Schekel (ca 0,6 Euro).

Sofort fällt einem wieder der Unterschied zwischen den von Palästinensern
bewohnten Stadtteilen und den „Siedlungen“ auf. Aber wenn man weiss, dass man
als Palästinenser kaum eine Baugenehmigung in den Bereichen mit israelischer
Verwaltung bekommt und sogar ein einfacher Antrag eine Mauer reparieren zu dürfen
fehlschlägt, wird einem klar warum es hier so aussieht.


Bethlehem

Sonntag nochmal ein Ausflug diesmal nach Bethlehem. Ich werde abgeholt und zum
Busterminal gebracht. Dort finden wir schnell das Shared Taxi nach Bethlehem. Ein
Mann fragt woher ich komme. Nachdem er herausfindet dass ich Deutscher bin will
er für mich das Taxi bezahlen! Ich kenne es sonst nur anders herum. Nach einer
ewigen Kurverei um Jerusalem herum (durch ist direkter aber viel langsamer wegen
den Checkpoints) erreiche ich Bethlehem. Wir schauen die Kirche an unter der die
Grotte liegt in der Jesus geboren wurde. Wie immer steht neben dran die Moschee.
Die Moslems waren früher schlau genug nicht die Kirchen abzureißen und Moscheen
drüber zu bauen. Wir fahren durch die Gegend, vor allem an die Mauer und viele
Graffiti anschauen. Es sind ein paar sehr gute dabei. Am schockierensten sind nicht
nur die Mauern mit den Ausfalltoren für Militärfahrzeuge sondern ein Haus das an drei
Seiten von Mauer umschlossen ist.


Die Einwohner dürfen nicht mal auf das Dach weil es eine „Gefahr für die Nationale
Sicherheit Israels“ ist. Auch die Autobahn die von einer „Siedlung“ nahe Bethlehem
kommt wurde einfach per Tunnel unter der Stadt durchgeleitet.

Tempelberg

Heute Morgen haben wir es endlich auf den Tempelberg geschaft. Leider darf man als
nicht Moslem nicht in die Al-Aqsa Moschee und den Felsendom rein. Wobei das
Politische Gründe hat und nicht religiöse.

Der Felsendom


Toll ist das Schild am Eingang von der Klagemauer her.

Viva la Revolution!

Heute wurde hier zum ersten Mal richtig demonstriert, mit vielen Flaggen und
Spruchbändern die schon richtig professionell aussehen. Für die politische
Einheit Palästinas, die Spaltung zwischen Hamas und Fatah soll endlich ein
Ende finden. Bisher ist der interne Zwist der israelischen Regierung ganz
gelegen weil die Palästinenser sich mit dem internen Kampf selber
beschäftigen und man sie leicht in die radikale Ecke stellen kann, wenn die
Hamas gewählt wird wie vor ein paar Jahren im Gaza Streifen. Jetzt scheint es
so als hätte das Volk die Schnauze voll, genau wie von der Günstlingswirtschaft
und der Korruption die dank fehlender Staatlicher Strukturen natürlich blüht.

Jericho

Samstag. Endlich ein freier Tag. Nach etwas Arbeitsstress nehme ich ein Taxi zur
Busstation. Laufen werde ich heute noch genug, da muss ich nicht das Stück auch
noch laufen. Busstationen habe ich genug zur Auswahl, Die normalen Busse und
schließlich ist es der dritte Busstand mit den gelben Minibussen. Kurze Zeit später ist
der Bus voll und ich lerne noch eine nette Dame kennen die mir anbietet mich durch
Jericho zu führen. Ich nehme dankend an und lasse mir die Nummer geben. Wie
jeder hier hat auch sie Verwandte in Deutschland.

Beim Wadi Qelt steige ich aus und
mache mich an die Lange Wanderung nach Jericho, der tiefst gelegenen Stadt der
Welt, und einer der ältesten noch dazu. Ich brauche etwas runter in das Tal zu
kommen und ich werde auf dem Weg das erste Mal überhaupt von einem Kollegen
angesprochen ob ich was kaufen will. Hier kommen halt echt nur Touristen hin. Unten
muss ich durch den Vorgarten irgendwelcher Leute bis ich auf der anderen Seite bin,
bei dem mit unglaublicher Liebe zum Detail restaurierten Aquädukt das die Römer
hinterlassen haben. Meist ist es nur eine Wasserrinne, aber immer wieder geht es
über das Tal oder kleine Seitentäler. Einige Ziegenherden, Kamele und Touristen
später treffe ich auf eine Israelische Familie die mich zum Kaffee auf dem
mitgebrachten Kocher einladen. Die Frau redet noch mit mir nachdem ich erzähle
dass ich hier mit Palästinensern zusammenarbeite. Ihr 23 Jähriger Sohn aber wird
zunehmend ruhiger. Junior hat auch eine Pistole dabei auf die ich ihn anspreche. Sie
meinen es sei hier eine nicht ganz so sichere Gegend. Das kann ich eigentlich nur
verneinen.

Die Israelis reden mich lustiger weise immer gleich auf Hebräisch an und die
Palästinenser immer gleich auf Arabisch. Nach einer Weile erreiche ich das
Griechisch Orthodoxe St. Georgs Kloster das man sogar anschauen kann.

Ich Freunde mich etwas mit den Jungs an die Eseltouren anbieten (ich bin
uninteressant weil alleine) und laufe weiter. Leider habe ich zu viel Zeit in diesem
schönen Tal verbracht und langsam ziehen Wolken auf. Das letzte Stück rein nach
Jericho zieht sich ewig hin und es kommt ein Sturm auf. Ich rufe die Dame an die
mich auf die Tour eingeladen hat und wir verabreden uns im Stadtzentrum. Leider
taucht sie nie auf und geht auch nicht mehr ans Telefon. . Die Leute hier sehen mich
wieder nur als laufenden Geldautomaten. Ich schaue mich etwas um und fahre heim.
Schade eigentlich aber ich war einfach zu langsam im Wadi.

Rückflug

Turkish Airlines haben seltsame Flugtermine. Mein Flug geht morgens um
6:15 Uhr. Also verbringe ich einen Teil des Abends schon mal in Jerusalem und
fahre dann mit dem Taxi nach Tel Aviv. Der Ben Gurion Flughafen ist erstaunlich
geschäftig. Riesige Schlangen vor den ersten Checkpoints. Da kommen wieder
die Teenager auf ihrem Herrschaftstrip. Die neben mir werden gleich von einem
Paar in die Zange genommen und mit Fragen bombardiert als wären sie
Schwerverbrecher. Ich lande bei einer anderen Dame, etwa halb so alt wie ich,
aber durch die Autorität etwas größenwahnsinnig geworden. Was passiert wohl,
wenn man Teenagern oder sagen wir mal Anfang Zwanzigern zu viel macht gibt?
Schon mal “Herr der Fliegen gesehen?” Es ist morgens kurz vor drei Uhr und ich
habe keine Lust auf zu viel Stress. Also spiele ich den naiv- gutmütigen (ok, nur
zum Teil gespielt) und plappere drauf los, dass ich für eine IT Firma hier unten
war und Leute trainiert habe, dass mir Jerusalem sehr gefallen hat etc. Es
funktioniert wieder, sie kommt gar nicht auf die Idee zu fragen wo. Irgendwie
nehmen die immer an was mit IT könne nicht in Palästina sein. Als sie meinen
Pass durch sieht und die Ägypten und Jordanien Stempel vom letzten Jahr sieht,
habe ich auf einmal drei von der Sorte an der Backe, die mir Löcher in den Bauch
fragen: Ob ich Verwandte in Ägypten habe, oder Freunde, wo wir genau waren und
wie wir uns mit der Bevölkerung in Ägypten unterhalten haben. Sehr interessante
Frage. Ich kann mir nur schwer nen doofen Kommentar verkneifen. Am liebsten
hätte ich gesagt: “Mischung aus Hoch-Mandarin der Ming Dynastie in Kombination
mit Braille Schrift und Rauchzeichen, aber nur Morse und nicht der Navajo
Quatsch”. Aber ich antworte brav, dass wir nur in den Touristenhochburgen waren
wo jeder Englisch kann. Trotzdem bekomme ich die Sticker auf mein Gepäck.
Dann kommt der Gepäckscanner mit einem der unfreundlichsten Leute die ich je
in meinem Leben gesehen habe. Der Scanner ist lustig, die Gepäckstücke fliegen
hinten nur so raus.

Zwei mal Gepäckscanner (irgend was stimmt nicht und alle müssen nochmal
durch) und dann durchsucht eine junge, aber nicht ganz so hübsche Dame mein
Gepäck. Das ganze dauert recht lange. Ich hab die zwei Wasserpfeifen in Plastik
und Zeitung eingewickelt und dann mit meiner Wäsche gepolstert. Ich hätte sie
nicht waschen sollen, das wäre lustiger gewesen. Ein paar Süßigkeiten werden
angemahnt und der Kaffee gelobt den ich gekauft habe. Sie nimmt von allem
Proben mit einem Tuch und schickt das durch den Massenspektrographen.
Wieder frage ich mich: Was wenn der Mensch von dem ich die Reisetasche in
Ramallah gekauft habe in seiner Freizeit Bomben bastelt… Ich frage Sie auch
noch warum die Kontrollen aus Israel raus viel strenger sind als die rein (finde ich
etwas unlogisch). Die Antwort lautet “It’s for your security.” Ich stelle noch einige
andere doofe Fragen, immer die gleiche Antwort. Immerhin ist sie nett und geht
mit mir zum Schalter, angeblich weil ich “Schon so lange in der Kontrolle
gebraucht habe”. Glaub ich nicht, andere sind langsamer als ich und haben
keinen Bodyguard. Wird wohl eher an meiner Zeit im Terrorcamp letztes Jahr in
Ägypten liegen (detaillierte Berichte hier). Es gibt noch ein riesen Heckmeck um
meinen Flug, weil der umgebucht und um eine Woche verschoben wurde.
Ursprünglich sollte ich nur zwei Wochen bleiben. Wir müssen zum Ticketschalter,
ich muss nachzahlen und die Dame hat kein Wechselgeld. Zum Glück findet sich
ein Herr der für mich mit Kreditkarte zahlt, im Austausch gegen mein Bares (er hat
passend Rückgeld, aber kein Wechselgeld). Zum Glück muss ich nach etwas hin
und her nicht auch noch die Strafe zahlen fürs nicht Fliegen am Montag, sondern
“nur” die Umbuchungsgebühr. Mein “Bodyguard” ist langsam echt fertig und
genervt, was mir eine gewisse Genugtuung verschafft. Ich kann auch ein Arsch
sein. Dann muss mein Rucksack irgendwie noch speziell eingecheckt werden
(“weil Riemen dran sind”. Seltsam, hatte ich noch nie vorher das Problem).
Danach noch die Handgepäckkontrolle, wieder mit Sprengstofftests, alles muss
extra ausgebreitet werden, sogar meine Schuhe werden getestet und meine
Kamera überlebt nur mit Mühe und Not. Nochmal eine halbe Stunde anstehen für
den Ausreisestempel und ich bin durch. Nach schlappen 3 Stunden. Möchte nicht
wissen was passiert wäre wenn ich gesagt hätte WO ich gearbeitet habe.
Wahrscheinlich wäre ich jetzt noch dort.

Zum Glück bin ich zu müde, um mich laut zu freuen als ich endlich im Flieger bin.